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Liebesroman
Eins?
„Klack, klack, klack!“, endlich wieder auf sicherem Boden. Willkommen in der Traumfabrik Europas, Cote d´Azur, vive la France, es lebe das Leben! Aber wem auch immer sei Dank, dass ich noch lebe. Gefahren ist mein Freund und Geschäftspartner Metin, Deutschtürke. Köln, Nizza – Haut de Cagnes. Ich muss nochmals an die fürsorgliche Aufmunterung denken, die mir Ari, ein weiterer Freund und Geschäftspartner, bei unserem letzten Ausflug nach Nizza in Kenntnis meiner Flugangst als hinreichendes Beunruhigungsmittel verabreicht hatte. Natürlich rücksichtsvoll zum passenden Zeitpunkt, als der Flieger allmählich in den Sinkflug zur Landung überging: „Cockpitansprache: Links sehen Sie die Cote d´Azur und rechts sehen Sie die brennende Tragfläche!“ Der Anflug zum Flughafen Nizza führt angenehm langsam an der gesamten Küste der Cote d´Azur entlang. Nur konnte ich den zehnminütigen Sinkflug durch mein skeptisches Überwachen der rechten Tragfläche nicht so recht genießen. Normalerweise lerne ich auf Grund meiner Flug- und Höhenangst sowieso nur das Innendesign des Fliegers kennen.
Das auf dem Anflugtrauma gründende Umsteigen auf den fahrbaren Untersatz habe ich zum Quadrat bereut. Tifosi at work und davon zwei Stunden permanent links 100 Meter in die Tiefe zum Meer, Mitte Tacho 240 km/h, rechts 2 m zur Felswand! Alle von mir verneinten Klischees wurden eins zu eins bestätigt. Türke, Dreier BMW, die Frauen müssen hinten sitzen. Okay, Metin hat dies seiner Freundin Aysegül türkisch diplomatisch erklärt, dass wir halt auf der Fahrt über neue Ideen zur Erschließung von türkischer und arabischer Kundschaft philosophieren müssten. So ist Metin eben, aber seine Freundin Ayse weiß sich zu wehren. Metin, ein deutscher Türke, der sich sicherlich in deutscher Sprache besser artikulieren kann als 90 Prozent aller Deutschen, spielte während der langen Fahrt gerne mit den Rhetorik Klischees à la: ,Habe ich korrekt krassen 3-er BMW geklaut!´ Ayse kommentierte das Schauspiel schlicht und einfach mit: ,Er hat mal wieder seine fünf Minuten Assitürke!´ Alles in allem eine lustige Fahrt, wenn da nicht der Tifosifahrstil im Spiel gewesen wäre. Zeitweise dachte ich, wir fliegen. Allerdings hat Metin augenscheinlich keine Tragflächen am BMW. Ich muss zur Überprüfung doch einmal beim nächsten Stop um das Auto herum gehen. Natürlich passt auch der Geschwindigkeitsirrsinn zu unserem Leben und schließlich lautet unser Firmenmotto: Lieber positiv Verrückt als negativ Normal!
Ein Spaß war die Szenerie am Schweizer Zoll. Beim Heranfahren an die Grenze sahen wir eine Familie mit zwei kleinen Kindern, deren Wagen von zwei Zöllnern durchsucht wurde. Nun haben wir unsere Durchsuchungschancen folgendermaßen eingeschätzt: Metin 25, schwarze gegelte Haare, Mafiosiblick, weißes Hemd mit Sonnenbrille im Hemdausschnitt plus schwarze Stoffhose und schwarze Schuhe, ein glasklarer türkischer Macho plus Giorgio, 27 Jahre, dunkelbraune Haare, funkelnde schwarzbraune Augen, Sonnenbrille in den Haaren und dieselbe Kleidung; ein Prototyp eines Latino-Lovers plus dunkelblauem BMW mit weißem Leder und Sportbereifung gleich 100 Prozent zu kontrollierende Zielgruppe, Durchsuchung bis auf die Grundmauern. Und wie viel Temperament entwickeln Schweizer Zöllner bei verdächtig wirkenden Südländern? Waffeneinsatz? Auf den Boden legen? Knisternde Spannung beim Heranfahren, der Adrenalinspiegel steigt, warum auch immer? Diebisch freuen wir uns auf die unterbelichteten Fragen, noch dazu mit Schweizer Dialekt, aus dem bekannten Polizeiverhörmilieu, wie beispielsweise dem Klassiker: „Haben Sie etwas getrunken?“ „Selbstverständlich! Jede Menge! Kaffee, Cola, Kakao!“
Wir zählen den Countdown: „Noch zehn Autos, neun, acht, sieben“, kurze Wartezeit, „sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins.“ Beim Heranrollen haben wir beide noch schnell gut sichtbar für die Grenzer unsere Sonnenbrillen heruntergezogen, damit wir noch verdächtiger wirken. Und dann, was passiert, wir werden durchgewunken, diese Schweizer Spaßkiller. Wir werden sie für jedes Loch im Käse verklagen!
Erstaunt nehmen wir zur Kenntnis, dass ein Zöllner sogar die Spielesammlung der armen Familie durchsucht. Wir hätten uns doch so gerne geopfert, aber wenigstens scheint die Schweiz, vor Familien gut geschützt zu sein. Respekt! Zugegebenermaßen haben die Zöllner ausschließlich Aysegül anvisiert. Wer kann schon dem Traum aus Tausend und einer Nacht widerstehen? Perserin, samtweiche Haut mit dunklem Teint, schwarze Haare, dazu trägt sie weißen Perlenschmuck und ein weißes Trägerkleidchen, eine rassige Klassefrau. Von wegen Muselmannzähne à la Kaffee, Ayses Zähne sind strahlend weiß. Sie ist einfach ein persisches Gesamtkunstwerk. Der Schweiz wären ein paar Zöllerinnen anzuraten. Ansonsten wird das Spießertum von der Notgeilheit bedroht. Brecht wäre es recht!
Es ist dunkel, sternenklar, ich rieche das Meer. Vive la vie! Elisa ruft: „Giorgio, sieh mal!“ Metin und ich schauen nach oben, im romantisch verklärten Apricot der Balkonwand kann man die Schatten von zwei Frauen sehen, die zwei kleine Hunde über das Balkongeländer halten. Die eine kenne ich. „Klock, klock!“ Wie immer hat Metin sehr kreativ geparkt und so treten wir gegen eine Bodenschikane, welche das schnelle Einparken eigentlich verhindern soll. Wir taumeln und finden nur mit Mühe zurück ins Gleichgewicht. Ein wirklich gelungener Auftritt zweier Latino-Lover. Man hört zwei Frauen herzhaft lachen. Eine ungewollte aber sehr spektakuläre Falle. Wer war eigentlich die andere? Die dritte Frau im Bunde, unsere Mitfahrerin Ayse findet kaum aus dem Gelächter heraus. Als sie wieder sprechen kann, lästert sie: „Wollen unsere Homo sapiens-Männer nun zurück auf die Bäume und anstelle der Old Economy den Affen Konkurrenz machen?“ Ohne Worte gehen wir gebeutelt weiter. Wir müssen auf die Rückseite des Hauses. Dort ist der Eingang umrandet von einem schönen Palmenpark.
Wir sind in Cagnes sur Mer. Linker Hand sehen wir den über Cagnes sur Mer thronenden Nachbarort, Haut de Cagnes. Herausragend mit weichem gelbem Licht angestrahlt nehmen wir das Herzstück von Haut de Cagnes wahr, die ehemalige Sommerresidenz der Grimaldis, seine Burgfestung. Rechter Hand suche ich nach der prächtigen Renoir-Villa mit ihrem atemberaubenden Park, kann sie auf Grund der Dunkelheit leider nicht einmal erahnen. In dieser hat der weltberühmte Künstler seinen Lebensabend verbracht. Zwischen den alten, zart orange gefärbten, durch Schattenphantasien der Laternen bemalten Ferienhäuschen erahne ich entfernt mein Element, das Wasser, mein Meer. Leider kann ich es nicht sehen, noch hören, aber ich erlebe die salzige Meeresprise auf meiner Haut und in meiner Nase.
Eigentlich wollten wir ja schon um 20.00 Uhr in Südfrankreich sein. Aber ich bin halt mit Metin unterwegs. Am meisten hasst Metin das Chaos an den Türken, die Unpünktlichkeit, die Planlosigkeit und vieles mehr. Dies macht es für ihn unmöglich, nochmals in die Türkei zurückzukehren. Tja, eigentlich wollten wir in aller Frühe starten, aber leider hatte Metin spontan entschieden, sein heiliges, neues Auto vor der langen Fahrt nochmals in einer Werkstatt inspizieren zu lassen. Nach einer verlorenen Stunde musste es dann nur noch in die Waschanlage, um den Mücken und Motten wenigstens ein sauber geputztes Auto zum Aufprall anzubieten. Nun gut, zugegebenermaßen ist eine Kombination von deutschen und türkischen Tugenden, nur sehr schwer in den Griff zu bekommen. Sicherlich hätten wir nach der langen Fahrt keinerlei Zukunft im Himmel, wenn die Mücken und Motten dort etwas zu sagen haben. Unsere Windschutzscheibe hätte sicherlich eher den Titel Insektenschutzscheibe verdient, Massenmord!
Zurück in die Traumwelt, Palmen vor und Salz in meiner Nase. Wir sind an der Tür. Wir müssen in den dritten Stock. Ich klingele, sofort ertönt der Öffnungston. Wir gehen hinein. Das Mehrparteienhaus steht auf einem kleinen Hügel. Aus der Eigentumswohnung in Cagnes sur Mer kann man vom linken Balkon Richtung Nizza und vom rechten auf das Cap d´Antibes sehen. Diesen Blick über die Traumwelt habe ich mir als Unternehmensboss einer Traumtänzerwelt schon häufiger gegönnt.
21.41 Uhr, 1. Juli 1999, die erste Hochzeit der Firmengeschichte kann beginnen. Die Liebe ist das Himmlischste auf Erden. Denn solange man niemanden liebt, lebt man in Sünde, denn man liebt nur sich selbst. Das habe ich als Wandler zwischen den religiösen Welten unsere Firmenkultur schon mehrmals bezüglich meines Singlestatus´ von Ari zu hören bekommen. Stammt wohl aus der jüdischen Kaballa. Der erste himmlische Bund wird übermorgen durch die kirchliche Hochzeit geschlossen. Oder ist es schon der zweite? Wir Himmelsvagabunden haben uns ja schon als feste Freunde auf unsere Firma eingeschworen. Wir sind eine verschworene eingeschworene Gemeinschaft durch unseren Vertrauensschwur auf shopping-highlights.com. Nicht mehr und nicht weniger, wir brauchen keinen Vertrag, nur unser gegenseitiges Vertrauen. Am Tag des Börsenganges haben wir uns zu viert vor dem öffentlichen Rummel eingeschworen. Wir gehen durch dick und dünn, komme was wolle, solange shopping-highlights.com existiert. Seitdem sind wir schon mal mit unserer Firma verheiratet. Trotz der unterschiedlichen Konfessionen können wir uns felsenfest aufeinander verlassen. Wir sind eben ein Himmelsvagabundenteam und wandern zielsicher zwischen den Welten. Es funktioniert und harmoniert zwischen den Religionskulturen hervorragend, da wir ein gemeinsames Ziel haben. Wir haben, nachdem wir das Kind geboren hatten, mit dem Börsengang shopping-highlights.com geheiratet. Das kommt ja in den besten Familien vor, dass Frau zunächst schwanger wird. Unser Unternehmensschwur ist verpflichtend bis dass der Untergang uns scheidet. Das ist so richtig übertrieben pathetisch, eigentlich finde ich das ja zum Kotzen. Hoffentlich wird sich unser pathetisch himmlische Traum von der Scheidungsquote abkoppeln. Wie unromantisch und auch noch am Tag vor einer Hochzeit. Aus Männerperspektive reduziert sich das wohl alles auf die Frage. Welche Braut habe ich mir im Überschwang der Hormone eingehandelt? Shopping-highlights.com ist eine phantastische Braut, anders als alle anderen, wobei das die anderen auch immer von ihrer Braut sagen. Bestimmt wird unser Unternehmenstraum bis an unser Lebensende halten, bestimmt! Shopping-highlights.com scheint, eine unendlich himmlische Firmenstory zu sein. Sozusagen Sissi mit Stern!
Nichts desto trotz haben wir auch schon den Ehevertrag ausgehandelt. Sollte shopping-highlights.com untergehen, so wird der Traum auf einer großen schönen Brücke mit einem beeindruckenden Weitblick ausgeträumt. Dann ergründen wir ohne Schlafwandeln die Perspektive und beschließen, ob der Schwur beendet wird und sich unsere Wege für immer trennen oder ob ein neuer Schwur geschlossen wird. Unsere unglaubliche Freundschaft plant sogar ihre Koexistenz nach einem unwahrscheinlichen Desaster. Aber unser gemeinsames Ziel, unsere Geschäftspartnerschaft und unsere Freundschaft werden diesen himmlischen Traum erstrahlen lassen. Heller als der Polarstern wird unser New Economy Stern am Himmel leuchten.
Unabhängig von der Religion können wir uns bei allen Gründern auf gefestigte Werte verlassen und das ist Gold wert, mindestens. Warum weltweit immer die Unterschiede so stark plakatiert werden, ist mir bei unserer reibungslosen Zusammenarbeit sowieso ein Rätsel. Man sollte sich schlicht und einfach auf die positiven Werte der Religionen konzentrieren und diese einmal in den Vordergrund stellen und die paar negativen einfach mal hinten anstellen. So viele Unterschiede gibt es bei den positiven Werten überhaupt nicht, denn wir können bei uns in der Firma alle kräftig an einem Strang ziehen und stärker mit als ohne diese Werte, ob Moslem, ob Jude, ob Christ, ob ehemaliger Katholik, ob am Turnen gescheiterter Yogafanatiker.
Und morgen schwört unser Christ zum zweiten Mal. Jacques, unser Ass für den französischen und spanischen Markt, ebenfalls ein typischer Latino-Typ, braune Haare, braune Augen heiratet Elisa unsere Marketingschönheit, kastanienbraune lange lockige Haare, bronzefarbene braungebrannte Haut, funkelnde grüne Augen. Auf einer Skala von 0 bis 10 eine klare 10. Mittlerweile müssen wir nach Südfrankreich reisen, um mal wieder alle Mitarbeiter der shopping-highlights.com AG zu versammeln. Wir müssen eben mittlerweile europaweit am Start sein.
In Anbetracht der uns dargebotenen weißen Marmorflure fragt Metin: „Wie lange tut uns nun eigentlich die Kohle schon nicht mehr weh tun tun?“ Ich spekuliere: „6 Monate und ein paar Gequetschte?“ Shopping-highlights.com wurde am 7.7.1997 von vier Studienkollegen der Wirtschaftsinformatik gegründet. Am 11.1.1999 fand der Börsengang statt, das Initial Public Offering IPO. Genau zum richtigen Zeitpunkt, laut Analysten und Bankern ging eine Sonne auf, deren Leuchtkraft mindestens das Weltall verzaubern wird. So war unsere Aktie natürlich 30-fach überzeichnet, wobei selbstverständlich die führende Emissionsbank die Aktien entweder nur besonders Einflussreichen oder den noch zu armen Multimillionären zum Ausgabekurs von 11 Euro zugeteilt hatte. Die Kleinaktionäre haben dann am ersten Börsentag einsteigen dürfen und konnten wenigstens darauf hoffen, dass der Kursanstieg zwei Tage lang andauert. Die Reichen haben sich also ohne jegliches Risiko die Taschen am ersten Tag voll gemacht. Am Ende des ersten Handelstages betrug unser Aktienkurs 22 Euro. Wie heißt es doch so schön: Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin! Wenigstens stieg der Kurs in den darauf folgenden Tagen für die Kleinaktionäre auf 32 Euro an. Mittlerweile müssten wir ja diese Interessenvertretung befürworten, schließlich sind wir nun Neureiche und gehören dazu. Noch besitzen wir ein Gewissen, noch denken und sorgen wir uns um die armen Kinder in Afrika, noch haben wir bei Verschwendung ein schlechtes Gewissen, noch? Man sollte seine Grundsätze nicht vom Kapital manipulieren lassen. Moralische Werte sind auch ein Himmel auf Erden. Robin Hood scheint in der Welt der Reichen keinen Platz zu haben. Herz und Gewissen weichen der kapitalen Rationalität. Ich will mir ein bisschen Robin Hood im Herzen bewahren.
Die New Economy-Generation feiert an den schönsten Orten der Welt, nicht mehr Generation X und sonst nix. Wir bauen unsere eigene Welt. Kein Interesse an den Hierarchien in Banken und Autokonzernen. Vielen Dank, langweilt euch selbst! Jacques´ Wohnung verkörpert die Phantasie der New Economy. Große Fenster, zwei Balkone, Art Decot und weißer Marmor geben sich die Ehre.
Im dritten Stock angekommen, sehe ich das Paar an der Eingangstür. Jacques und Elisa begrüßen uns herzlich und wir klatschen uns alle im Stil der New Economy lässig ab. Und dann, und dann sehe ich in die Ewigkeit, ein tiefer Blick in funkelnde strahlend blaue Augen, eine anscheinend von einer Erkältung gerötete Nase, ansonsten eine schöne reine Haut, eine Maryline Monroe Frisur, genau Maryline trifft es sehr gut, klassisch und erotisch. Ich bin getroffen und sie schaut auch getroffen aus. Tödlich getroffen. Liebe auf den ersten Blick. Ich höre eine angenehme, aber nasale Stimme sagen: „Hallo ich bin Anna und du bist bestimmt der Giorgio, oder?“ „Genau!“ Nach ein paar netten Floskeln, welche die Liebeswelt nicht aus den Fugen gerissen haben, taumele ich schwer getroffen weiter. Metin scheint beim Begrüßen auch recht begeistert zu sein, was Aysegül sichtlich genervt zur Kenntnis nimmt. Ich begrüße eine weitere, nicht so spannende Frau, Andrea, wohl eine Freundin von diesem Engel. Nach der alten Taktik versuche ich, Sympathiepunkte bei der besten Freundin zu sammeln. Nett sein zur Freundin, ansonsten gehen die Mädels einmal auf die Toilette und alles ist aus.
Metin sagt: „Da haben sich die beiden aber eine repräsentative Hütte von unserem Börsenzauber geleistet! Unsere French Connection hat keinesfalls an ihrer Bude gespart.“ Ayse blinzelt ihm zu und sagt: „Daran darfst du dich ruhig orientieren, wenn du unseren zukünftigen Kindern ein zu Hause suchst!“ Ui, da scheinen die Gedankenspiele ja schon auf Familie ausgerichtet zu sein. Ist schon spannend, wenn die Mädels mit am Start sind. Nach dem wirtschaftlichen Erfolg geht nach und nach bei allen Gründer auch privat die Reise ins Glück. Wann beginnt diese endlich mal bei mir? Habe ich als Chef keine Zeit für Privates? Wenigsten bin ich beruflich im richtigen Zeitfenster unterwegs. Dann fragt mich Metin: „Weißt du wenigstens als Chef, warum wir so viel wert sind?“ Ich antworte: „Nein, ich habe noch keinen Goldesel in den Geschäftsräumen entdeckt, unser Wert ist eben Fantasie, das ist für Banker wie Fanta für Kinder!“
Die shopping-highlights.com AG profitiert von diesen Übertreibungen. Der geschätzte Zukunftswert wird beim Verkauf von Anteilen erlöst und dient den Gründern zum Investieren ins Unternehmen oder für einen überdimensional dekadenten Lebensstil. Die shopping-highlights.com AG kristallisiert aus allen Konsummessen in Europa die Produkthighlights heraus und versucht mit den Herstellern, den Direktverkauf ab Fabrik über das Internet abzuwickeln. Neben den vier Gründern Jacques, Ari, Metin und mir, Giorgio, arbeiten mittlerweile zusätzlich 20 weitere Angestellte im Vertrieb und in der Redaktion. Produktwerbung auf unserer Internetseite, Vertriebsprovisionen für den Direktvertrieb von Produkten und das durch den gierigen Zeitgeist sprudelnde Risikokapital für marginale Beteiligungen an unserem zukünftigen Erfolg lassen uns gigagigantisch hervorragend leben. Und der Börsengang hatte selbst unsere kühnsten Träume phantastisch in den Schatten gestellt. Wir sind reich und unser Unternehmen scheint laut Börse, ein Goldesel zu sein. Nun sind mir weder beim Betreten unserer Kölner Geschäftsstelle noch in unserer Saarbrücker Goldtaler aufgefallen. Doch wenn alle Analysten uns mit strong buy gewichten und die seriösesten Bankhäuser shopping-highlights.com zur Aktie des Monats wählen, dann muss ja für die Traumdeuter, etwas Wahres in unserer Geschäftsidee zu finden sein. Wir müssen nur noch selbst daran glauben, dass wir so viel wert sind. Denn wenn man glaubt, braucht man nicht zu wissen, denn Glauben heißt Nicht Wissen. Wer nach dem Sinn sucht, findet den Unsinn.
Und was ist schon vorhersehbar? Der Untergang im Kinofilm Titanic, vielleicht mit Ausnahme für Alzheimerpatienten! Wobei man hier hinsichtlich der modernen Inszenierungen auch vorsichtig sein muss. Heutzutage muss ja beim Besuch des Theaters mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Trifft der Vater bei einer Wilhelm Tell-Aufführung noch den Apfel oder nicht? In Bezug zu den Ausführungen der Kultursendung „Aspekte“ muss damit in Kürze gerechnet werden. Aspekte für Kultur ist wie die Sendung „Wa(h)re Liebe“ im Bereich Sex, alles unterhalb Swinger ist viel zu normal. Aber vielleicht hat ja schon Schiller eine Symbiose solcher Sendungen geahnt, Wa(h)re Aspekte und ein paar Avantgarde-Sätze eingebettet. Wer erinnert sich nicht an den Satz im Deutschunterricht „durch diese hohle Gasse muss er kommen“?
Die Cote d´Azur passt zu unserem unternehmerischen Himmelsvagabundentum. Hier können wir unseren Traum ausleben, den Traum von beruflicher Selbstverwirklichung, den Traum von Liebe, Frieden und Freiheit, den Traum von Lebensglück, Lebensgenuss, positivem Elan und vom Spaß am Leben. Es müsste doch wohl treffender heißen, „Vivo, ergo sum!“, ich lebe, also bin ich und nicht „Cogito, ergo sum!“, ich denke, also bin ich. Allerdings soll der bekannte Philosoph gemeint haben, „Während ich denke, bin ich!“, also „Cogitans, ergo sum!“ Dies unterscheidet den Menschen vom Tier. Indem der Mensch bewusst denkt, kann er das Sein wahrnehmen und ist. Nur was habe ich von der ganzen Denkerei, Kopfschmerzen? Am Ende bin ich frustriert wie Doktor Faustus, dass ich nichts verstehe. Und um Gottes oder wem seinen Willen auch immer, ich will unser Unternehmensmodell gar nicht verstehen, das will doch niemand, weder die Banker, noch die Aktionäre und schon gar nicht die handelnden Personen. Und hätte ich dies getan, hätte mein Leben lang über meine Idee nachgedacht und die Haken auch noch gefunden. Bestimmt so viele, dass ich meinen Traum nicht mehr träumen wollte. Dann lieber ein Himmelsvagabund in der vereinigten Traumtänzerwelt. Warum auch nicht? Es gefällt doch allen Beteiligten. Und irgendwo muss ja wirklich die Substanz vorhanden sein, wenn ich sehe, welche Wohnungen wir uns davon kaufen können.
Und wenn ich meinen Traum lebe, wenn ich bewusst lebensbejahend mit aller positiver Energie daran arbeite und die gewünschten Ergebnisse vielleicht sogar erlebe, dann lebe ich und der Spaßanteil im Leben gewinnt Oberwasser. Unser Vertrauensschwur zu unserem Lebenstraum hat uns ins bewusste Leben und Erleben geführt. Es ist ein Traum, der real geträumt wird, zurzeit in Südfrankreich. Er kann keine schlechten Gedanken zulassen, die aus religiösem Fanatismus oder aus einer negativen Grundeinstellung heraus seine Entwicklung schädigen. Wir leben gemeinsam für unser Ziel, unseren Lebenstraum zu verwirklichen, unser kleines Kind, welches mit dem Börsengang das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, erfolgreich durch sein Leben zu führen. Und wenn es unserem Kind gut geht, dann ist es doch für seine Gründer der Himmel auf Erden. Der Unternehmensschwur wird dem Kind daher jegliche Fürsorge zukommen lassen. Welche Fürsorge es braucht, verstehen ja auch die leiblichen Eltern meistens erst via trail and error. Und bisher zeigt unser Aktienkurs steil nach Norden, also waren die Versuche keine Irrtümer. Wir machen alles richtig, sensationell. Können wir zurzeit überhaupt was falsch machen?
Mal sehen, wen ich hier noch so kenne. Ich sehe zunächst mehrere mir unbekannte Verwandte und Freunde des Brautpaars. Aha endlich bekannte Gesichter, Ari und Irit.
Ari, einer meiner besten Freunde und ebenfalls Gründungsmitglied der shopping-highlights.com und Irit, seine sehr liebenswerte, intelligente Freundin. Sie arbeitet als Künstlerin und erklärt ihre Kunst zum Politsymbolismus. Ihre letzten beiden Kunstwerke beschäftigen sich mit dem Kräftegleichgewicht des „Kalten Krieges“. Das erste Bild heißt „bizarrer Weltfrieden“ und zeigt ein Ying und Yang Gleichgewicht. Das Ying ist in roter Farbe gehalten und beinhaltet die Inschrift „Warschauer Pakt“. Das Yang wurde in blauer Farbe gemalt und trägt die Bezeichnung „NATO“. Das zweite Bild hat sie „bizarrer Weltunfrieden“ getauft und man sieht ein Ying und Yang Ungleichgewicht. Die rote Yingfläche ist in tausende kleine Flächen gesprengt und hat ihre stabilisierende Position verlassen. Die Inschrift „Warschauer Pakt“ ist nur noch zu erahnen, nicht mehr zu erkennen. Aber auch das blaue Yang hat gelitten. Man erkennt zwar klar und deutlich die Bezeichnung „NATO“, aber durch den nicht mehr vorhandenen Gegenpol ist es ebenfalls ins Trudeln geraten und hat seine Position verloren.
Nun kann man ja die Gefahr eines weltweiten nuklearen Atomkrieges gar nicht groß genug für die Menschheit einordnen. Hinsichtlich der Kuba-Krise war die Menschheit vom Supergau nicht weit entfernt. Das wiedervereinigte Zentraleuropa wäre einer der Hauptkriegsschauplätze gewesen. Der Hinweis von Einstein birgt eine nachhaltige Wahrheit, dass er nicht wüsste, mit welchen Waffen im dritten Weltkrieg gekämpft würde. Aber dafür wüsste er, mit welchen im vierten gekämpft würde und zwar mit Keulen. Denn die Waffen folgender Weltkriege können die Gleichmäßigkeit der Naturvorgänge aus dem Gleichgewicht bringen. Und auf dieser basiert das Leben auf der Erde. Bei all seinen relativen wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten baute Einstein auf eine Grundvernunft in der Natur hinsichtlich einer gleichmäßigen Wiederholung von Vorgängen im Universum. So blieb für ihn die größte Gefahr der Mensch, welcher mit seiner Unvernunft die Vernunft zerstört und sich selbst. Solche Denkanstöße schenkt mir Irit mit ihren Bildern. Wie viel Frau doch mit einem Blatt Papier ausdrücken kann.
Und ein nukleares Gleichgewicht als Friedensengel darzustellen in Anbetracht einer möglichen Katastrophe, ist wiederum reizvoll. An den Kalten Krieg hatten sich mittlerweile alle gewöhnt und er war auch gar nicht mehr so eisig. Die Temperatur wurde stetig angenehm wärmer. Und irgendwann war es dann vorbei. Das von Irit charakterisierte Ungleichgewicht findet seinen grausamen Niederschlag im Jugoslawienkrieg. Das nach der Wiedervereinigung und dem Niedergang der UdSSR entstandene Kräfteungleichgewicht war und ist nicht in der Lage, den Frieden herzustellen. Eine Kriegsepisode folgt auf die nächste, alle ethnischen Gruppen des künstlichen Tito-Konstruktes Jugoslawien werden in Mitleidenschaft gezogen. Da dieses Ungleichgewicht zu einem unheilbaren Chaos geführt hat, können die Wunden nicht gesunden. Das Land wird in alle möglichen Teile aufgegliedert. Diese Machtlosigkeit der neuen Weltordnung lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Und Irit drückt in ihren Bildern das weltpolitische Sentiment unglaublich klar aus. Das Bild schreit förmlich nach der Frage, wo geht das Unheil weiter? Insbesondere wenn nun auch noch durch die fehlenden Ordnungskräfte die Religionen ihr Seelenheil imperial vermarkten wollen.
Das entstandene unüberschaubare Chaos im Osten verführt nicht gerade dazu, sich eine Destabilisierung von Großmächten herbeizusehnen. Alleine schon die Sorgen um die nuklearen Sprengköpfe, welche in den bankrotten Splitterstaaten als frei handelbare Masse lagern, führen zu erheblichem Unbehagen.
Wie immer sind stilvolle kreative Menschen einheitlich schwarz gekleidet. Bei der Verleihung von Marketing- oder Kreativpreisen ist das Auftreten einer Nonne schon ein farbliches Highlight. Nichts desto trotz wirkt es sehr gut, insbesondere in Kombination mit den schwarzen Haaren und den braunen Augen. Ari trägt einen modern geschnittenen Anzug und dazu ein Körper betonendes Sweatshirt. Irit hat ein schulterfreies schwarzes Kleidchen an. Dazu offene schwarze Schuhe, welche ihre mit Klarlack lackierten, sehr gepflegten Zehen zur Geltung bringen. Eine sehr herzliche Begrüßung folgt. Meine muslimische Fahrgemeinschaft verhält sich wie immer ein wenig Viel reservierter gegenüber unseren jüdischen Firmenmitgliedern. Eigentlich verstehen sie sich gar nicht so schlecht, immer wird bei Treffen herzlich gelacht bis gewisse Themen an den Start gehen. Unser gemeinsames Ziel baut Brücken zwischen den Religionen. Im Nahen Osten bräuchten die Volksgruppen gemeinsame Ziele, beispielsweise eine Ermöglichung der bestmöglichen Entwicklungsbedingungen für ihre Kinder und Jugendlichen. Nur wenn es gemeinsame Ziele gibt, können Gräben zugeschüttet werden und sich neue bessere Perspektiven entwickeln. In unserer Firma ist dies mustergültig gelungen. Alle ziehen an einem Strang, ob Jude, ob Moslem, ob Christ.
Nun noch einmal zum Objekt der Begierde zurückschauen. Getroffen, getroffen, ich gehe einen suboptimalen Weg zu einem freien Stuhl, ich setze mich an den Esszimmertisch und versuche die Liebe, auf den zweiten Blick zu analysieren. Eine sehr attraktive Frau, keinesfalls magersüchtig, sondern natürlich weibliche überzeugende Kurven, der Po vielleicht minimal ausladend. Eine Powerfrau vergleichbar mit Franka Potente in ihrer „Lola rennt“-Rolle. Angesprochen auf ihren ausladenden Po giftete sie einen Interviewer an: „Was haben sie denn gegen einen realistischen Frauenpo?“ Das westliche Frauenbild orientiert sich zurzeit an einem perversen Vorbild. Sind magersüchtige Frauen, welche ihr Hungergefühl via Koks unterdrücken, a la Kate Moss vorbildlich? Dann doch lieber eine Vollbusige mit einem realistischen Frauenpo.
Anna wirkt wie eine klassische femme fatale, ist sie eine? Die Frau einer meiner Träume? Jede Frau ist wie ein Kunstwerk. Mann muss ihr nur den Respekt erweisen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Dann findet Mann auch ihr Geheimnis. Das Leben hätte sich nicht Milliarden von Jahren Mühe gegeben, dieses Kunstwerk auf die Erde zu bringen, wenn es keinen besonderen Esprit besäße, innen oder außen. Aber dies ist ja gerade das Schwierige unter Berücksichtigung der heutigen Reizüberflutung. Mann muss sich die Zeit nehmen zumindest einmal fünf Minuten, das Kunstwerk Frau zu erforschen. Und wenn es vergleichbar mit Bildern der modernen Kunst einem dann gelingt, eine winzig kleine Besonderheit, etwas Einzigartiges zu entdecken, wird Mann das Esprit seiner Umwelt erleben. Die Gedanken sind frei, aber warum an das Ferne denken, wenn das Gute ist so nah?
Ja! Anna folgt meinem freundlich schmachtenden Blick und setzt sich direkt gegenüber. Nun sehe ich diese rote süße Clownsstupsnase, irgendwie sieht sie schon zirkusreif aus. Ohne die gerötete Nase wäre sie wohl startklar für die Traumfabriken. Ich erfahre, dass sie sich wohl erkältet hat und total fertig ist. Allerdings betont die rote Nase ihre spektakulären, strahlend klaren blauen Augen. Diese funkeln hypnotisierend. Ein tiefer Blick reicht für eine lebenslange Verzauberung des Herzens und meines pulsiert, mein Blut ist berauscht von dieser Frau, denn alle Adern meines Körpers scheinen elektrisiert. Alle hoch trabenden philosophischen Ansätze verblassen im Verhältnis zum Lebenselixier Verlieben.
Dann scherzt Anna über unsere Pünktlichkeit, da sie auf Grund der Erzählungen von Elisa schon den ganzen Tag gespannt war, wer da wohl kommen mag. Seine Traumfrau auf einer Hochzeit treffen, wer glaubt denn an so was? Wer glaubt schon an die Liebe auf den ersten Blick? Ich? Nein! Oder doch? Irgendwie bin ich verwirrt. Also erzählen Metin und ich ein wenig über die Erlebnisse unserer Anreise, hinsichtlich der Verspätung relativiert Metin ein wenig in Bezug auf unvorhersehbare Verkehrsverhältnisse, aber Mann tut ja, was Mann kann.
20 Leute unterhalten sich, so dass der Geräuschpegel erheblich ist. Ich trinke einen wunderbaren Chianti und das in Frankreich. Hatte darauf gehofft, dass Jacques seinen Lieblingswein, natürlich einen französischen, Cote du Rhone Village, präsentiert. Aber dann kommt auch schon die Erklärung, dass dies ein Verlobungsgeschenk von italienischen Verwandten aus der Toskana wäre. Ansonsten hätte la grande nation doch nur französischen Wein in Frankreich toleriert.
Der Genuss dieses wunderbaren Chiantis, dessen dunkelrote Farbe so gar nicht zu der lindgrünen toskanischen Landschaft passt, deren Impressionen auch in alle Ewigkeit meine Sinne berauschen. Diese romantische weite grüne Hügellandschaft mit den sandsteinfarbenen verklärten Gutshäusern spielt ebenfalls in der ersten Liga mit der Cote d´Azur-Traumwelt. Der Duft der Weine ist so lieblich wie die kleinen süßen Italienerinnen mit ihren funkelklaren schwarzbraunen Augen. Auch die Hauptstadt der Toskana, Florenz, trage ich für immer in meinem Herzen. Die Traumwelt Toskana erfährt ausgerechnet durch die Traumwelt Hollywood die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Ebenso der Chianti: „Ich habe seine Leber bei einem Chianti verspeist, schschschschsch!“ Dieser teuflische Satz aus dem Schweigen der Lämmer von Hannibal Lector hat ihn weltweit wachgeküsst. Florenz, die Stadt von Künstlern und Erfindern wie Michelangelo und Leonardo da Vinci, die Stadt der Medici, die Stadt der Kultur, die Metropole der Toskana, die Stadt des bürgerlichen florentinischen Reichtums mit ihrem Marmordenkmal, dem Dom. Spektakulär! Und unglücklicherweise erfährt dieser Ort nur auf Grund eines Hollywoodfilms diese Weltaufmerksamkeit, welche er ansonsten nie erfahren hätte?
Aber dies hat er mit der Cote d´Azur gemeinsam. Orte, die Künstler wie Renoir und Picasso so inspirierten, dass sie Weltgeltung erreichten, finden nur noch Beachtung über ihre Alibischauplätze. Die Traumfabriken Cannes und Monaco stehen im Vordergrund, keiner kennt mehr das Hotel „La Provenciale“ in Juan les Pins, den Geburtsort der Cote d´Azur oder das Laissez faire in Saint Tropez. Keine Jazz Festivals, die Geburtshelfer der Cote d´Azur sondern Formel 1 und Filmfestival. Willkommen in der Traumfabrik Europa!
Nun hatte ich in letzter Zeit sehr wenig Freiräume, um die Leichtigkeit des Seins zu erleben. Aber dafür lebe ich meinen leichten Traum. Heute wird carpe diem mal wieder freier übersetzt: Genieße den Tag! Das nützt mir auch sehr viel. Irgendwie ist gerade das Glück und diese Leichtigkeit des Seins in mein Leben getreten. Herzlich Willkommen! Ich liebe die Cote d´Azur und sie liebt mich.
Sieh an, sieh an! Unser Vorstandsvorsitzender begeistert sich für Anna, eine Frau. Dabei haben wir schon alle geglaubt, er wäre seit dem Scheitern seiner letzten Beziehung mit der Liebe seines Lebens, Margit, auf die andere Seite gewechselt. Und dies wäre ja für die shopping-highlights.com AG Gold wert, anscheinend gewesen. Denn die meisten Vertriebsverantwortlichen und Marketingleute der Old Economy sind schwul und die Vorstandsvorsitzenden der New Economy ebenso. Schwule machen Karriere, da sie sich mit den Personalchefinnen bestens verstehen. Die Vorstandsvorsitzenden der Neuzeit werden alle schwul sein. Nicht mehr die Schulte-Noelles der schlagenden Studentenverbindungen mit Spliss werden die Topchefs, sondern einfühlsame intellektuelle Homosexuelle. Es heißt ja auch homo sapiens und nicht hetero sapiens und so wird das Business stilvoller und menschlicher. Heteromänner verstehen Frauen eben nicht, Homomänner haben die selben Probleme wie die Frauen. Und die Heterokarrieremänner mit Biss haben keine Chance, da sie die Frauen meistens als Sexobjekt behandeln und sich so aller Chancen bei den in Schlüsselkompetenzen geschulten Personalchefinnen berauben. Und Frauen haben ebenso kaum eine Chance in Anbetracht der Stutenbeißerei. Eine Personalchefin kann ja keine biologische Rivalin an sich vorbeilassen und sie somit im Vergleich interessanter machen.
Gut, dass Giorgio für Personalangelegenheiten in der shopping-highlights.com AG verantwortlich ist. Da er sich ja wohl doch für Frauen interessiert, ist die Hoffnung für meine Karriere noch am Leben. Giorgio, mein heimlicher Traum. Im Rahmen der Vorbereitungen zum Börsengang hatte ich 1998 ein ganzes Jahr fast täglich rund um die Uhr das Vergnügen mit Giorgio. Aber er hat mich niemals als mögliche Partnerin betrachtet, meinen trainierten Knackpo nie beachtet. Unglaublich, nie! Bin ich nicht attraktiv? Und gegen den Namen Margit bin ich mittlerweile äußerst allergisch! Was kann diese Gans nur haben, was ich nicht bieten kann? Ich hätte alles für Giorgio getan. Aber es gilt wie immer das alte Gesetz. Verlässt jemand seinen Lebensabschnittspartner, gestaltet sich sein Trennungsprozess recht einfach! Aber wird jemand verlassen, gestaltet sich das Loslassen vom Lebensabschnittspartner äußerst schwierig. Wer hat schon gerne das Gefühl, dass er für einen anderen nicht attraktiv genug ist, äußerlich oder menschlich? Und Margit hat eben Giorgio verlassen. Ein dermaßen selbstsicherer Macho wie Giorgio kann dies natürlich nicht akzeptieren und muss zurück zu dieser Frau, koste es, was es wolle. Die Lebensqualität, die Offenheit für eine neue Beziehung, Leiden in der Einsamkeit, alles akzeptiert der gekränkte König. Denn seine Herzwunde heilt wenn überhaupt nur sehr langsam und schmerzvoll. Wäre die Herzdame Margit einmal aufgetaucht, sie hätte diesen tollen Mann sofort wieder am Haken. Und ich hatte keine Chance, unglaublich! Aber dann ging es für mich Schlag auf Schlag. Jacques hat mir bei der Feier zum Börsengang im Januar 1999 den Hof gemacht! Wilde Party, wilder Sex! Verliebt, verlobt und bald verheiratet!
Und Anna gelingt sofort der Zugang zu Giorgio! Sie kam, sah und siegte. Ist sie etwa dermaßen attraktiver als ich? Sie hat schon etwas sehr Verführerisches für Männer! Etwas Versautes, etwas Geheimnisvolles, wie Marilyn Monroe eben! Und sie weiß dies und setzt es gezielt ein. Die Männer sind viel zu primitiv gestrickt, um einer solchen Verlockung widerstehen zu können. Sie kann alle haben. Denn die Männer verfallen ihr, sie kann mit ihnen spielen. Spielt sie auch mit Giorgio? Nein sie wirkt wirklich interessiert! Mir ist es nicht gelungen, ihn für mich zu begeistern. Trotz Kleidung und weiblichen Reizen! Mein Apfelpo ist doch viel spannender als ihrer, oder nicht? Bin ich nicht so begehrenswert? Habe ich etwa nicht diese Anziehungskraft? Nein, anscheinend nicht im Hinblick auf die Begeisterung von Giorgio. Ich muss mal zu Anna gehen und hören, worüber die beiden Turteltauben so reden.
Elisa kommt zu uns. Sie sieht wie immer spitze aus. Mit ihr hätte ich auch mal gerne Sex gehabt, aber halt die Scheiß Grundsätze! Kein Sex in der Company! Denn dies macht das Arbeiten in der Firma nach der Affäre zur Hölle. Und ein Vorstandsvorsitzender sollte sich bei seinen Entscheidungen nicht von seiner Hose leiten lassen. Allerdings hat auch dies nicht der positiven Entwicklung vieler Großkonzerne im Weg gestanden. Aber ich bin ja Boss in einer wachsenden Firma und nicht Boss in der Verwaltung einer Firma, also heißt dies Finger weg von Elisa, um die Energie nicht in die Verhältniskiste zu packen, sondern an zielführenden Stellen des Unternehmens zu entfachen. Und das ist für einen Mann in Anbetracht der Figur von Elisa keine leichte Übung. Sie hat wohl den geilsten Apfelpo auf dieser Welt.
Dieser erinnert mich immer wieder an unser unseriöses Titelbild des Go Public-Börsenheftes. Eine Hommage an Lucky Luke. Die vier Daltonsbrüder, dargestellt von den vier Firmengründern, zielen mit dem neuesten Siemensmobiltelefon auf Lucky Lucy, dargestellt von Elisa. Elisa steht mit der neuesten Joop-Jeans mit dem Rücken zugewandt, so dass ihr Apfelpo sehr spektakulär in Szene gesetzt wird. Ihr Gesicht und der Oberkörper sind dem Betrachter seitlich zugewandt, so dass ein Up-to-date-Telekomgerät zu erkennen ist, mit welchem die Anrufattacken der Daltons komfortabel zu handeln sind. Selbstverständlich tragen auch die Daltons hippe Klamotten von Boss und dazu einfache weiße Adidasturnschuhe, natürlich mit schwarzen Streifen. Über dem Bild thront der Slogan „Wir zeigen Ihnen die neuesten Highlights!“ und darunter shopping-highlights.com -> 11.1.1999 -> AG.
Alles in allem sehr lustig aber komplett unseriös, aber wir haben halt das richtige Zeitfenster getroffen. Mittlerweile peilen wir 100 Mitarbeiter zum Jahresende an und bei den von den Analysten gepredigten Wachstumschancen ist kein Ende in Sicht. Und mit unseren Aktienoptionsprogrammen können wir alle Mitarbeiter der Old Economy bekommen. Der Esprit der New Economy lockt alle weg von der Basis von allem, der Old Economy. Mit dem Börsengang am 11.1.1999 wurden wir alle reich, Neureiche. Geld ist nicht alles, aber ohne Geld kriegt Mann von allem weniger. Es hätte auch gereicht, schlicht und einfach .com auf das Titelblatt zu schreiben und alle hätten die Aktie gezeichnet. Denn jeder Trümmerladen wird aktuell am Neuen Markt überzeichnet und es gibt in der Regel meistens zehnmal mehr Interessenten als Aktienanteile. Und dabei ist unser Business maßgeblich abhängig vom Glück.
Beispielsweise wollten wir einen großen Vertrag mit einem finnischen Mobiltelefonhersteller abschließen. Also luden wir die Vertriebsverantwortlichen zum Formel 1 Wochenende an den Nürburgring ein. Ein gelungenes Fest, bis zu dem Zeitpunkt, als Mika Hakkinen in führender Position in der letzten Runde genau vor den Augen unserer finnischen Hoffnungsträger mit einem Motorschaden ausschied. Und dann sahen sie auch noch Michael Schumacher am stehenden Helden vorbeifahren und anschließend triumphieren. Außer Spesen nichts gewesen, finnisches Schiff versenkt und darauf basiert die Phantasie der Börsianer, dass sich ein Unternehmen in Verhandlungen mit einem großen Fisch befindet. Aber zurzeit können wir uns alles erlauben. Und wenn wir auf einer Analystenkonferenz eine Stunde lang rülpsen. Anschließend würden die Analysten berichten, wenn die so selbstsicher auftreten können, dann muss das Unternehmen große Zukunftschancen haben.
Immerhin bestätigt sich, dass schöne Frauen schöne Frauen kennen. Elisa setzt sich zu uns und so erfahre ich, dass die beiden während des Studiums zusammen in einer Wohngemeinschaft im belgischen Viertel von Köln gewohnt haben. Sie sagt mir, dass ich ja nie Zeit gehabt hätte, mal mit ihr etwas zu unternehmen. Dann hätte ich Anna sicherlich schon zuvor kennen gelernt. Nun erfahre ich im Gespräch mit den beiden Frauen, dass Anna nun in der Südstadt von Köln in einer wunderschönen Wohnung mit Balkon zu einem traumhaften grünen Innenhof wohnt. Sie arbeitet im Vertrieb einer großen Beratungsgesellschaft. Und dann erfahre ich, dass sie ursprünglich aus dem Köln des Ostens, Leipzig stammt. Aus der Osserei! Endlich mal ein Grund warum der Mauerfall einen Sinn ergibt. Dabei wollte ich schon Geld für die Initiative zur Errichtung einer doppelt so hohen, neuen Mauer spenden! Denn im vereinigten Deutschland geht der Wohlstand verloren. Die Kosten der Einheit lasten schwer auf dem wiedervereinigten Deutschland. Noch haben wir keine Peoples aus der Osserei am Start. Aber vielleicht werbe ich ja nun Anna ab. Generell ist uns mittlerweile durch unsere Einstellungspolitik bekannt, dass Arbeitskräfte aus Osteuropa sehr ehrgeizig und fleißig sind. Nicht so verhätschelt wie die Westeuropäer. Unsere Jugend arbeitet anscheinend nach dem ökonomischen Minimalprinzip und die Russlanddeutschen nach dem Maximalprinzip. Bei den Bewerbungen kann man und Frau das sehen. Die Russlanddeutschen machen das Maximale aus ihren Möglichkeiten. Als Chef einer aufstrebenden Firma erwartet man das ja irgendwie von seinen Mitarbeitern. Aber die Konsumjugend aus dem Westen setzt ihre Kräfte mehr beim Feiern als beim Arbeiten ein. Daher stehen auf unser Most-Wanted Einstellungsliste Osteuropäer auf Platz Eins.
Im Gegensatz zu den Jammerossis, die stehen nämlich ganz unten, das darf ich Anna wohl nicht erzählen, sonst ist der Traum schnell vorbei. Wie viele Westdeutsche empfinde ich auch, dass die Ostdeutschen alles geschenkt bekommen und sich immer noch beklagen. Im Osten haben fast alle Frauen einen Rentenanspruch, denn das Arbeiten war trotz Kinder kein Problem, da wohl meistens nix gearbeitet wurde, denken wir Wessis. Im Westen hingegen war die Großfamilie ein Vollzeitjob, so dass eine Arbeit für die Frau nicht in Frage kam. Nun erhalten die Ostfrauen Rente und finanziert wird und wurde sie von den Kindern der Westfrauen. Und diese erhalten Nichts. Ist ihr Mann zu früh verstorben, leben sie unter Umständen sogar unter dem Existenzminimum. Zudem ist die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland eine Katastrophe. Die Ostmärkte sind mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eingebrochen, so dass eine baldige Erholung der Arbeitsmarktsituation nicht absehbar erscheint. Auch das Wirtschaftswachstum wird den Ansprüchen des Deutschlands vor der Wiedervereinigung lange Zeit nicht mehr gerecht werden können. Das ist der Preis für das Haus Europa. Und die Westdeutschen empfinden, dass sie diesen alleine zu bezahlen haben. Trotzdem waren meine schönsten Tage der Zeitgeschichte die Tage zwischen dem Mauerfall am 9.11.1989 und der Wiedervereinigung am 3.10.1990. Der Überschwang und die grenzenlos vor Freude überstrahlenden Herzen der Menschen in dieser Zeit waren das schönste Hochgefühl der Zeitgeschichte meines Lebens. Aber der Preis fürs die leichte Glückseligkeit sind wohl 20 Jahre wirtschaftliche Ernüchterung in Deutschland, in welchen das Haus Europa gebaut wird. Die Baukosten fressen mit Sicherheit die soziale Sicherheit in Deutschland auf, todsicher.
Dass Anna aus der Osserei stammt, finde ich aus einem anderen Blickwinkel sehr spannend. Denn ich habe von Freunden immer gehört, dass die Ossifrauen nicht so prüde und verkrampft wie die Wessifrauen wären. Mann müsste sich nicht tagelang den Mund fusselig reden. Die Frauen wären freizügiger und an Sex interessiert. Sehr schön, befinde mich im Notstand, bin auch notgeil, denn diese Frau macht mich schier verrückt. Mein Verlangen, sie zu besitzen, ehrlich gesagt, sie zu vögeln, steigt exponentiell. Bin halt auch nur ein Mann! Zurzeit übernimmt der Kopf in der Hose das Zepter. In Anbetracht dessen Größe können keine intellektuellen Schritte erwartet werden. Es wird ja immer gesagt, dass die Männer ein größeres Gehirn als die Frauen hätten. Da das männliche Gehirn aber nur einen Teil vom Tag das Denken übernimmt und ab und an die Kontrolle an die Hose verliert, relativiert sich die Größe wieder.
Dann fragt mich Anna nach meiner Mobilnummer, hervorragend! Mit Hilfe von SMS kann Mann vieles an Informationen herausfiltern. Alles was in der direkten Kommunikation zu offensiv ist, kann schmerzfrei über SMS abgefragt werden. Wenn die Frauen entsetzt sind, kann Mann sich wieder heraustippen, indem Mann schreibt, dass sie die SMS nur falsch verstanden hätte. Oder dass Mann mit ihr besser telefoniert, um Missverständnissen vorzubeugen. Zudem ist dieses Empfangssignal einer SMS, piep piep, piep piep sehr publikumswirksam. Die Außenwelt will mit mir kommunizieren. Gut fürs Ego und gegen die Profilneurose. Und die Profilneurose scheint, europaweit grenzenlos groß zu sein. Am liebsten würde sich der Empfänger einer SMS doch auf den Stuhl stellen und sein Mobilofon hochhalten. Piepst es, sehen alle panisch auf ihr Handy, um zu kontrollieren, ob sie angesimst wurden. Wer gewonnen hat, tut dann ganz wichtig und wenn es nur eine belanglose Werbe-SMS war. Ein unglaublicher Zirkus, bei vielen Erwachsenen piept es anscheinend nicht mehr nur im Mobiltelefon. Mobile Business is New Economy Business and New Economy Business is Show Business. So ist das nun einmal und mir muss das ja gefallen. Es beweist, dass die neue Medien mit einer neuen Anziehungskraft die Menschen in ihren Bann ziehen.
Mittlerweile ist es 0.01 Uhr. Morgen früh um 10.00 Uhr ist die standesamtliche Hochzeit. Wir entschließen uns, zum Hotel zu fahren. Unser Hotel wurde für die Hochzeitsfeier ausgesucht und alle Gäste werden dort übernachten. Ich bin dafür! Alles ist organisiert und noch besser, alle Gäste aus Deutschland übernachten im Hotel du Colombier in Rochefort les Pins, Anna auch.
Bin ich verliebt? Ich fühle ein schwereloses Glück, welches meine Sinne berauscht. Ich kann das Meer sehen, erlebe es aber nicht mehr mit meinen Sinnen, spüre nur noch mein Herz! Es bebt! Mein Körper und mein Geist sind erwacht, ich lebe wieder. Anscheinend war ich ein Paar Jahre lang halbtot. Aber nun will ich wieder mit jemandem gemeinsam etwas erleben. Alleine ist alles nichts! Welchen Wert hat eine Emotion, ein Erlebnis, wenn man es mit Niemandem teilen kann? Lieben heißt Leben!
Jacques fährt mit den beiden Frauen vor, mehrere Autos folgen ihm auf dem Weg zum Hotel. Im Dunkeln erkenne ich, dass wir auf dem Weg nach Rochefort les Pins sind. Jacques fährt in die Einfahrt eines Hotels „Auberge du Colombier“ oder so. Colombier steht glaube ich für Tauben, also Taubenherberge. Ein geeignetes Quartier für alle Turteltauben. Und es sieht auch wirklich spektakulär aus. Ein uralter riesiger Ahornbaum überragt den Eingang des Hotels, die Autoparkplätze sind in eine Parkanlage integriert, diese führt in den Garten hinter das Hotel. Im wahrsten Sinne des Wortes, paradiesisch. Hier könnten sich Adam und Eva mit der Schlange vergnügt haben. Wer will schon aus dem Paradies hinaus und alles für einen Apfel?
Neben dem Eingang zwingen sich dem objektiven Betrachter mehrere Gourmet Auszeichnungen auf. Nach dem Einchecken stellen wir fest, dass unsere Zimmer nebeneinander sind. Sehr dienstleistungsorientiert! Die Türen stehen noch offen. Anna kommt ins Zimmer und fragt. „Na, wie ist dein Zimmer?“ Herzlich willkommen zur Nestschau, denke ich mir. Bevor ich antworten kann, stürmt sie mit den Worten „Hey, du hast ja einen Balkon, Wahnsinn!“ auf diesen. Ich folge ihr, wir erahnen im Dunkeln einen sehr großen Garten und darin einen beleuchteten Pool. Verträumt sieht sie mir ganz tief in die Augen. Ich sehe in die Besinnungslosigkeit, in die Leichtigkeit des Seins. Alles ist glasklar, wir sind ineinander verliebt. Ich muss sie nun unbedingt küssen. Ich lege meine Hände auf ihre Schultern, ein unglaubliches Gefühl. Sie hat eine samtweiche Haut. Phantastisch, etwas Besonderes, so schön hat sich für mich eine Frauenschulter noch nie angefühlt. Das Verlangen nach dem ganzen Körper steigt exponentiell. Ich sehe ihr wieder lange und tief in die Augen und nähere mich ihren Lippen. Zunächst nähert sie sich auch, weicht dann aber zurück und wispert ganz leise: „Ich habe leider einen Freund.“ Das Wispern reißt mich aus den Träumen wie der Pfiff eines Bahnschaffners. Gerade ist mir der Zug vor der Nase weggefahren. Ich bin getroffen, eigentlich müsste ich nun über den Balkon stürzen. In Gedanken bin ich schon im Hotelgarten eingeschlagen. Gerade habe ich eine realistische Adam und Eva Inszenierung am eigenen Leibe durchlitten, nur werde ich nicht aus dem Paradies verbannt, sondern versinke im Paradiesgarten. Vielleicht sollte ich rücksichtsvoll der Schlange noch einen Abschiedsbrief schreiben:
Sehr geehrte Paradiesschlange,
falls du Adam zur Apfelverführung mit Eva suchst, er ist gerade im Boden versunken.
Mit freundlichen Grüßen
Adam aus dem Hotelparadiesgarten.
Mein Freund Metin betritt, wem auch immer sei Dank, das Zimmer, um noch eine von mir vergessene Tasche abzugeben. Anna verschwindet sehr rasch, mit der Begründung ihren Koffer auspacken zu müssen. Metin kneift ein Auge zu und lächelt verschmitzt. Dann verschwindet auch er ins Nachbarzimmer zu Ayse. Ich werfe mich auf das Bett, denke an Anna, bin zu müde, um enttäuscht zu sein, will nur noch von ihr träumen, will um sie kämpfen. Auch im Dschungel hauen sich die Affen um die Frauen. Und eine direkte Verwandtschaft kann historisch nicht geleugnet werden.
Von wegen, kein Sex vor der Ehe im Islam! Zwar heiraten Ayse und Metin vielleicht jungfräulich, allerdings Oralverkehr lassen sich beide sicherlich nicht entgehen. Denn dieser ist auch anscheinend im Islam nicht vor der Hochzeit verboten. Oder begeht man beim Blasen oder bei der Selbstbefriedigung religiösen Massenmord. Im Katholizismus hätte ich als Massenmörder wohl keinen Zugang mehr ins Paradies. Aber vielleicht wird ja auch im Islam nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird? Und in der alten Traditionsreligion, dem Judentum? Bestimmt gibt es wieder Bibelanalytiker, welche in irgendeiner Stelle eine Antwort herausgebastelt haben. Das kann aber nicht im Sinne der Menschheit sein, ansonsten kommt ja fast niemand in den Himmel, zumindest wenige Männer!
Hundertprozentig bahnt sich bei Aysegül und Metin eine der nächsten Hochzeiten der Firmengeschichte an. Die Wände in diesem Hotel sind wirklich sehr dünn. Aber diese Folter kenne ich ja schon von den Vertriebsreisen. Nebenan treiben es Sekretärin und Chef oder irgendwelche Reisepaare. Man selbst muss morgens früh raus und könnte zudem vor Notgeilheit sich zu jedem Programm mit Frau im Fernsehen selbst befriedigen. Aber wem auch immer sei Dank, der Oralverkehr ist schnell vorbei, rasant wie der Fahrstil. Also keine Vertriebsreise, keinen Schlaf und keinen Sex. Nur keinen Sex!
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